Ihr Ergebnis · Verhandlungsstil-Test: Wie verhandeln Sie wirklich?
Der zurückhaltende Stil
Sie verhandeln ungern: Erste Angebote werden angenommen, Preisgespräche vermieden, Argumente bleiben unausgesprochen. Das kostet Sie messbar Geld – ist aber veränderbar.
Was bedeutet dieses Ergebnis?
Ihr Muster ist das Vermeiden: Sie nehmen erste Angebote an, umgehen Preis- und Gehaltsgespräche und ärgern sich hinterher über ungenutzte Argumente. In Pruitts Systematik entspricht das der Untätigkeits- und Nachgiebigkeitsstrategie – der Verhandlungsmoment selbst wird als so unangenehm erlebt, dass ein schneller Ausstieg attraktiver wirkt als jedes bessere Ergebnis.
Die Ursachen sind selten Faulheit, sondern meist eine Mischung aus erlernten Glaubenssätzen („Über Geld spricht man nicht“, „Gute Arbeit wird von allein gesehen“), Sorge um die Beziehung und schlicht fehlender Übung. Wichtig zu wissen: Die Gegenseite kalkuliert Verhandlungsspielraum fast immer ein. Wer das erste Angebot annimmt, zahlt einen Aufschlag, der für Verhandelnde nie gedacht war. Nicht selten spielt zusätzlich Perfektionismus hinein: Sie möchten erst verhandeln, wenn Sie sich vollkommen sicher fühlen – ein Zustand, der in der Praxis nie eintritt.
Über Jahre summiert sich dieser Stil erheblich – ein nicht verhandeltes Einstiegsgehalt wirkt über jede folgende prozentuale Erhöhung fort. Die gute Nachricht aus der Trainingsforschung: Verhandeln ist kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein Handwerk. Schon Vorbereitung nach Schema und wenige geübte Standardsätze verändern Ergebnisse deutlich, ohne dass Sie dafür ein anderer Mensch werden müssten.
Wie zeigt sich das im Alltag?
Im Alltag erkennen Sie sich vermutlich hier wieder: Die jährliche Beitragserhöhung wird hingenommen, der Handwerker bekommt den aufgerufenen Preis, im Jahresgespräch nicken Sie zur vorgeschlagenen Anpassung – und auf der Heimfahrt fallen Ihnen alle Argumente ein, die Sie hätten nennen können.
Beobachtbar ist auch ein Ausweichverhalten davor: Sie verschieben das Gehaltsgespräch auf ein günstigeres Quartal, das nie kommt, formulieren Preisfragen in E-Mails so weich, dass sie überlesen werden dürfen, und lassen Fristen für Vertragswechsel verstreichen, weil das Kündigen-und-neu-Verhandeln Überwindung kostet.
Bezeichnend ist schließlich, wie Sie über gelungene Verhandlungen anderer sprechen: halb bewundernd, halb befremdet. Dass Kollegen wie selbstverständlich Forderungen stellen, erscheint Ihnen mutig bis dreist – dabei tun sie lediglich, was die Gegenseite ohnehin einkalkuliert.
Typische Situationen
Die neue Stelle ist zum Greifen nah, das Gehaltsangebot liegt unter Ihrer stillen Erwartung. Sie sagen trotzdem sofort zu – aus Sorge, Nachfragen könnte den Eindruck trüben. Die Personalerin hatte intern bereits eine höhere Freigabe.
Der Vermieter kündigt eine Mieterhöhung an, die Ihnen überzogen erscheint. Sie recherchieren abends den Mietspiegel, schreiben eine Antwort – und senden sie nie ab.
Auf dem Flohmarkt nennt der Händler zwanzig Euro. Sie zahlen wortlos, während die Käuferin neben Ihnen denselben Artikel für zwölf bekommt. Der Unterschied war eine einzige freundliche Frage.
Was können Sie jetzt tun?
Starten Sie im risikofreien Raum: Verhandeln Sie dort, wo ein Nein nichts kostet – auf dem Flohmarkt, bei der Hotline Ihres Mobilfunkanbieters, im Elektromarkt bei Ausstellungsstücken. Jedes dieser Gespräche ist eine Trainingseinheit, und die ersten erlebten Erfolge entkräften den Glaubenssatz, Verhandeln sei unhöflich, wirksamer als jedes Buch.
Verschriftlichen Sie Ihre Argumente vor wichtigen Gesprächen und nehmen Sie das Blatt mit. Ihr Ärger „hinterher fällt mir alles ein“ ist kein Wissensproblem, sondern ein Abrufproblem unter Anspannung – die Notiz überbrückt genau diese Lücke. Dazu ein einziger auswendig gelernter Eröffnungssatz, mehr braucht der Anfang nicht.
Nutzen Sie Ihre Stärke: Zurückhaltende Menschen hören gut zu und wirken glaubwürdig, wenn sie dann doch etwas fordern. Ein ruhig vorgetragenes, gut begründetes Anliegen aus Ihrem Mund hat oft mehr Gewicht als die Routineforderung eines Vielverhandlers – Sie müssen niemanden imitieren, um wirksam zu sein.
Suchen Sie sich für wichtige Termine einen Sparringspartner: Ein kurzes Rollenspiel am Vorabend, in dem jemand die Gegenseite gibt, nimmt dem echten Gespräch einen Großteil des Schreckens und deckt schwache Stellen Ihrer Argumentation auf, solange sie noch korrigierbar sind.
Konkrete nächste Schritte
Führen Sie diese Woche eine Mini-Verhandlung ohne Risiko: Fragen Sie an der Hotline Ihres Anbieters nach einem Treuerabatt.
Lernen Sie einen Eröffnungssatz auswendig, etwa: „Ich freue mich über das Angebot – bei der Zahl sehe ich noch Spielraum, und ich begründe gern, warum.“
Bereiten Sie Ihr nächstes Jahresgespräch schriftlich vor: drei Leistungen, ein Marktvergleich, eine konkrete Zielzahl.
Belohnen Sie den Versuch statt des Ergebnisses: Jede geführte Verhandlung zählt als Erfolg, unabhängig vom Ausgang.
Grenzen dieses Tests
Hohe Werte auf dieser Skala können Verschiedenes bedeuten: Verhandlungsangst, bewusste Genügsamkeit oder eine Lebensphase, in der andere Kämpfe Vorrang haben. Der Test zeigt das Verhaltensmuster, nicht seinen Grund – und nur der Grund bestimmt, ob Handlungsbedarf besteht. Auch situative Faktoren wie ein angespanntes Betriebsklima können vorsichtige Antworten erzeugen.
Bedenken Sie außerdem den Erinnerungseffekt: Misslungene oder vermiedene Verhandlungen bleiben stärker im Gedächtnis als unspektakulär gelungene. Möglicherweise verhandeln Sie besser, als Ihre Selbsteinschätzung glauben macht – prüfen Sie das an konkreten Beispielen der letzten zwölf Monate.
Passende Übungen
Quellen
- Walton RE, McKersie RB (1965). A Behavioral Theory of Labor Negotiations: An Analysis of a Social Interaction System. New York: McGraw-Hill.
- Pruitt DG (1983). Strategic Choice in Negotiation. American Behavioral Scientist, 27(2), 167–194.
- De Dreu CKW, Weingart LR, Kwon S (2000). Influence of social motives on integrative negotiation: A meta-analytic review and test of two theories. Journal of Personality and Social Psychology, 78(5), 889–905.
- Fisher R, Ury W (1981). Getting to Yes: Negotiating Agreement Without Giving In. Boston: Houghton Mifflin.
Weitere mögliche Ergebnisse
- Der fordernde Stil
Sie verhandeln, um zu gewinnen: hohe Einstiegsforderung, klare Alternativen, notfalls Abbruch. Das bringt Ihnen überdurchschnittliche Ergebnisse – und gelegentlich verbrannte Erde.
- Der integrative Stil
Sie verhandeln über Interessen statt über Positionen, schnüren Pakete und vergrößern den Kuchen, bevor Sie ihn teilen. Stark in komplexen Deals – ausnutzbar von harten Feilschern.
- Der kompromissorientierte Stil
Sie steuern zügig auf die faire Mitte zu: geben hier, nehmen dort, Handschlag. Das spart Zeit und schont Beziehungen – verschenkt aber regelmäßig Wert auf beiden Seiten.