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PHQ-9: Neun Fragen, die depressive Symptome sichtbar machen

Der Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) ist das international wohl verbreitetste Kurzinstrument zur Erfassung depressiver Symptomatik. Kurt Kroenke, Robert Spitzer und Janet Williams stellten ihn 2001 als Depressionsmodul des größeren PRIME-MD/PHQ-Systems vor. Das Besondere: Die neun Fragen bilden exakt die neun Hauptsymptome ab, die das Diagnosemanual DSM für eine Major Depression definiert – von gedrückter Stimmung über Schlaf- und Appetitveränderungen bis zu Konzentrationsproblemen.

Weil der Fragebogen kurz, kostenlos nutzbar und in über 30 Sprachen validiert ist, hat er sich weit über die Hausarztpraxis hinaus verbreitet: Er dient in Kliniken zur Verlaufskontrolle, in Studien als Endpunktmaß und im Internet als Grundlage vieler Depressions-Selbsttests.

Trotz seiner Nähe zu den Diagnosekriterien bleibt der PHQ-9 ein Screening- und Verlaufsinstrument. Er kann Hinweise verdichten und Veränderungen dokumentieren, ersetzt aber niemals die diagnostische Beurteilung durch eine Ärztin, einen Arzt oder psychotherapeutisches Fachpersonal.

Auf einen Blick

Items
9 Fragen, angelehnt an die DSM-Symptomkriterien der Major Depression
Autoren
Kroenke, Spitzer & Williams (2001)
Antwortformat
0 = überhaupt nicht bis 3 = beinahe jeden Tag (Bezug: letzte 2 Wochen)
Punktbereich
0 bis 27 Punkte
Schweregrade
5 = mild, 10 = moderat, 15 = mittelschwer, 20 = schwer
Bearbeitungsdauer
Etwa 2 bis 4 Minuten
Besonderheit
Item 9 erfragt Gedanken an Tod oder Selbstverletzung

Von PRIME-MD zum Standardinstrument

In den 1990er Jahren entwickelten Spitzer und Kroenke mit PRIME-MD ein Verfahren, mit dem Hausärzte psychische Störungen strukturiert erkennen sollten – zunächst als Interview, das im Praxisalltag jedoch zu zeitaufwendig war. Die Lösung war der selbstauszufüllende Patient Health Questionnaire, aus dem der PHQ-9 als eigenständiges Depressionsmodul hervorging.

Validiert wurde er an mehreren tausend Patientinnen und Patienten aus Allgemein- und Frauenarztpraxen. Seither ist die Studienlage auf viele tausend Publikationen angewachsen; kaum ein anderes psychodiagnostisches Kurzverfahren wurde in so vielen Settings und Populationen geprüft.

So wird ausgewertet

Alle neun Antworten werden zu einem Summenwert zwischen 0 und 27 addiert. Zur Einordnung dienen fünf Bereiche: 0–4 Punkte gelten als unauffällig, 5–9 als milde, 10–14 als moderate, 15–19 als mittelschwere und 20–27 als schwere depressive Symptomatik. Beim klassischen Cutoff von 10 Punkten erreichte der PHQ-9 in der Originalstudie eine Sensitivität und Spezifität von jeweils 88 Prozent für eine Major Depression; eine große Metaanalyse von Levis und Kollegen (2019) bestätigte diesen Schwellenwert weitgehend.

Daneben existiert ein Algorithmus-Ansatz, der sich an den DSM-Kriterien orientiert: Er verlangt, dass mindestens fünf Symptome an mehr als der Hälfte der Tage vorlagen, darunter gedrückte Stimmung oder Interessenverlust. Für die Verlaufsmessung in Behandlungen wird oft eine Reduktion um 5 Punkte oder um 50 Prozent als bedeutsame Besserung gewertet.

Ein Sonderfall: Item 9

Die letzte Frage des PHQ-9 erfasst, ob jemand in den vergangenen zwei Wochen Gedanken hatte, sich etwas anzutun oder besser tot zu sein. In der professionellen Anwendung löst eine positive Antwort eine sofortige Nachexploration aus, denn Suizidalität muss immer im Gespräch abgeklärt werden.

Für Online-Selbsttests bedeutet das eine besondere Verantwortung: Wer diese Frage bei sich bejaht, sollte sich nicht mit einem Punktwert zufriedengeben, sondern zeitnah Hilfe suchen – etwa bei der Hausarztpraxis, dem ärztlichen Bereitschaftsdienst oder der Telefonseelsorge (in Deutschland kostenlos unter 0800 111 0 111).

Stärken, Schwächen, offene Fragen

Zu den Stärken zählen die hohe interne Konsistenz (Cronbachs Alpha um .86 bis .89), die direkte Anbindung an Diagnosekriterien und die Sensitivität für Veränderungen, die den PHQ-9 zum Standard in der Therapieverlaufsmessung gemacht hat. Auch deutsche Normwerte aus großen Bevölkerungsstichproben liegen vor.

Kritisch diskutiert wird, dass somatische Items wie Schlaf-, Appetit- und Energieveränderungen bei körperlichen Erkrankungen falsch-positive Werte erzeugen können – ein chronisch kranker Mensch sammelt Punkte, ohne depressiv zu sein. Zudem neigen Screening-Studien mit dem PHQ-9 dazu, die Depressionshäufigkeit zu überschätzen, wenn Punktwerte unreflektiert mit Diagnosen gleichgesetzt werden. Genau deshalb betonen die Autoren selbst den zweistufigen Prozess: erst Screening, dann klinisches Urteil.

Relevanz für Ihren Selbsttest

Ein PHQ-9-basierter Selbsttest gibt Ihnen in wenigen Minuten eine strukturierte Rückmeldung darüber, wie ausgeprägt typische depressive Beschwerden bei Ihnen aktuell sind – gemessen an denselben Schwellen, die auch in Praxen und Studien verwendet werden. Das ist deutlich informativer als vages Grübeln über die eigene Stimmung.

Verstehen Sie das Ergebnis als Momentaufnahme und Gesprächsgrundlage. Bei Werten ab 10 Punkten, bei anhaltender Niedergeschlagenheit über zwei Wochen oder bei jeglichen Gedanken an Selbstverletzung ist professionelle Abklärung der richtige Weg – ein Fragebogen kann den Anstoß geben, aber nicht die Behandlung leisten.

Tests, die auf diesem Verfahren aufbauen

Häufige Fragen

Welche Punktwerte gelten beim PHQ-9 als kritisch?
Ab 10 Punkten spricht man von moderater Symptomatik, ab der eine fachliche Abklärung sinnvoll ist. Werte ab 15 gelten als mittelschwer, ab 20 als schwer. Unabhängig vom Gesamtwert sollte eine bejahte Frage 9 (Gedanken an Tod oder Selbstverletzung) immer ernst genommen werden.
Was unterscheidet den PHQ-9 vom PHQ-2?
Der PHQ-2 besteht nur aus den ersten beiden Fragen (gedrückte Stimmung, Interessenverlust) und dient als ultrakurzer Vorfilter. Fällt er auffällig aus, wird üblicherweise der vollständige PHQ-9 nachgeschaltet, der Schweregrad und Symptomprofil genauer abbildet.
Kann ein hoher PHQ-9-Wert auch andere Ursachen haben?
Ja. Schlafstörungen, Erschöpfung oder Appetitverlust können auch durch körperliche Erkrankungen, Medikamente oder akuten Stress entstehen. Deshalb gehört zu jeder Abklärung die Frage, ob die Symptome besser durch andere Faktoren erklärbar sind.
Eignet sich der PHQ-9 zur Verlaufskontrolle einer Therapie?
Genau dafür wird er sehr häufig eingesetzt. Da er Veränderungen sensitiv abbildet, lässt sich alle zwei bis vier Wochen prüfen, ob die Symptomatik zurückgeht. Eine Abnahme um etwa 5 Punkte gilt verbreitet als klinisch relevante Besserung.

Weitere Methoden

Quellen

  • Kroenke, K., Spitzer, R. L. & Williams, J. B. W. (2001). The PHQ-9: validity of a brief depression severity measure. Journal of General Internal Medicine, 16(9), 606–613
  • Levis, B., Benedetti, A. & Thombs, B. D. (2019). Accuracy of Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9) for screening to detect major depression: individual participant data meta-analysis. BMJ, 365, l1476
  • Löwe, B., Kroenke, K., Herzog, W. & Gräfe, K. (2004). Measuring depression outcome with a brief self-report instrument: sensitivity to change of the PHQ-9. Journal of Affective Disorders, 81(1), 61–66