WHO-5: Der Wohlbefindens-Index der Weltgesundheitsorganisation
Der WHO-5-Wohlbefindens-Index ist einer der kürzesten und zugleich am besten untersuchten Fragebögen der Welt. Er stammt aus der Arbeit der WHO-Kollaborationsstelle für psychische Gesundheit in Hillerød (Dänemark) und wurde 1998 in seiner heutigen Form vorgestellt. Mit nur fünf Aussagen erfasst er, wie es einer Person in den vergangenen zwei Wochen ging – gefragt wird nach guter Laune, Ruhe und Entspannung, Energie, erholsamem Aufwachen und einem Alltag voller interessanter Dinge.
Das Ungewöhnliche: Alle fünf Aussagen sind positiv formuliert. Statt Symptome zu zählen, misst der WHO-5 das Vorhandensein von Wohlbefinden. Genau dadurch eignet er sich sowohl zur Verlaufsbeobachtung der Lebensqualität als auch – gespiegelt gelesen – als Depressions-Screening: Wo Wohlbefinden auffallend fehlt, könnte eine depressive Entwicklung dahinterstecken.
Ein Review von Topp und Kollegen (2015) zählte Studien aus aller Welt und in zahlreichen medizinischen Fächern, von der Diabetologie bis zur Psychiatrie. Der Index ist frei verfügbar und liegt in weit über 30 Sprachfassungen vor.
Auf einen Blick
- Items
- 5 positiv formulierte Aussagen
- Herkunft
- WHO Collaborating Centre for Mental Health, Dänemark (Bech u. a., Fassung von 1998)
- Zeitbezug
- Die letzten 14 Tage
- Antwortformat
- 6-stufig: 0 = zu keinem Zeitpunkt bis 5 = die ganze Zeit
- Auswertung
- Rohwert 0–25, mit 4 multipliziert = Prozentskala 0–100
- Screening-Schwelle
- ≤ 50 (bzw. Rohwert < 13): Hinweis auf mögliches Depressionsrisiko
- Bearbeitungsdauer
- Rund 1 Minute
Herkunft: aus Lebensqualitätsforschung geboren
Ausgangspunkt war ein längerer WHO-Fragebogen zur Lebensqualität von Diabetes-Patienten aus den 1980er Jahren. Der dänische Psychiater Per Bech und sein Team kondensierten daraus schrittweise einen Kernbestand rein positiver Wohlbefindens-Items; nach Zwischenversionen mit zehn und mit anders formulierten fünf Fragen lag 1998 die endgültige Fassung vor.
Der Verzicht auf Symptomfragen war ein bewusster Paradigmenwechsel: Psychische Gesundheit sollte nicht nur als Abwesenheit von Krankheit, sondern als eigenständige positive Größe gemessen werden. Das macht den WHO-5 auch für nicht-klinische Kontexte attraktiv – von betrieblichem Gesundheitsmanagement bis zu Bevölkerungssurveys.
Vom Rohwert zur Prozentskala
Jede der fünf Aussagen wird auf einer sechsstufigen Häufigkeitsskala von 0 bis 5 beantwortet. Die Summe ergibt einen Rohwert zwischen 0 und 25, der zur besseren Anschaulichkeit mit 4 multipliziert wird: 0 bedeutet denkbar schlechtestes, 100 denkbar bestes Wohlbefinden. Ein Wert von 70 heißt also: Die Person hat sich in den letzten zwei Wochen überwiegend wohl gefühlt.
Als Screening-Konvention gilt: Ein Prozentwert von 50 oder darunter (Rohwert unter 13) sollte Anlass sein, gezielter nach depressiven Symptomen zu fragen, etwa mit einem strukturierten Instrument oder im ärztlichen Gespräch. Für Verlaufsmessungen wird eine Veränderung um 10 Prozentpunkte verbreitet als bedeutsam angesehen.
Erstaunlich stark für fünf Fragen
Trotz seiner Kürze schneidet der WHO-5 in Validierungsstudien beachtlich ab. Beim Depressions-Screening erreichte er in einer dänischen Allgemeinarztstudie eine Sensitivität von 93 Prozent bei einer Spezifität von 64 Prozent – er übersieht also kaum jemanden mit Depression, produziert dafür aber falsch-positive Treffer, die im zweiten Schritt aussortiert werden müssen. Genau so ist ein Screening-Filter gedacht.
Die Eindimensionalität der Skala wurde mit modernen testtheoretischen Verfahren (Rasch-Analysen) bestätigt, die interne Konsistenz liegt üblicherweise über Alpha .85. Auch die Änderungssensitivität ist gut belegt, weshalb klinische Studien den Index gern als Ergebnismaß für Wohlbefinden einsetzen.
Wo der Index an seine Grenzen stößt
Fünf Fragen können kein differenziertes Bild zeichnen. Der WHO-5 sagt nichts über Ursachen niedrigen Wohlbefindens – Schlafmangel, Konflikte, körperliche Krankheit und Depression drücken den Wert gleichermaßen. Er erfasst zudem nur die hedonische Seite des Wohlbefindens (Sich-gut-Fühlen), nicht die eudaimonische (Sinn, Selbstverwirklichung), und blendet kognitive Lebensbewertungen aus, wie sie etwa die Satisfaction with Life Scale misst.
Als Depressionsfilter gelesen gilt außerdem: Ein Wert über 50 schließt eine Depression nicht sicher aus, und ein Wert darunter belegt keine. Der Index ist der Anfang eines Abklärungswegs, nie sein Ende – die diagnostische Beurteilung bleibt Aufgabe von Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeuten.
Praktischer Wert für Ihre Selbstbeobachtung
Kaum ein Instrument eignet sich so gut für regelmäßige Selbst-Checks wie der WHO-5: eine Minute Aufwand, ein anschaulicher Prozentwert, ein klar definierter Warnbereich. Wer den Index etwa monatlich ausfüllt, erkennt schleichende Verschlechterungen des Wohlbefindens früher, als es das Bauchgefühl oft erlaubt.
Fällt Ihr Wert wiederholt auf 50 oder darunter – oder sackt er innerhalb kurzer Zeit deutlich ab –, nehmen Sie das als freundliches Warnsignal Ihres Alltagsbarometers. Prüfen Sie Schlaf, Belastung und Erholung, und scheuen Sie sich bei anhaltendem Tief nicht, hausärztlichen oder psychotherapeutischen Rat einzuholen.
Tests, die auf diesem Verfahren aufbauen
Häufige Fragen
- Wie wird der WHO-5 genau ausgewertet?
- Die fünf Antworten (jeweils 0 bis 5 Punkte) werden addiert; der Rohwert von 0 bis 25 wird mit 4 multipliziert. So entsteht ein Prozentwert von 0 bis 100, wobei 100 für bestmögliches Wohlbefinden steht.
- Was bedeutet ein WHO-5-Wert von 50 oder weniger?
- Das ist die etablierte Screening-Schwelle: Bei einem Prozentwert von höchstens 50 empfiehlt sich eine genauere Abklärung auf depressive Symptome, etwa mit dem PHQ-9 oder in einem ärztlichen Gespräch. Der niedrige Wert selbst ist noch keine Diagnose.
- Warum enthält der WHO-5 keine Fragen zu Beschwerden?
- Er wurde bewusst als Positiv-Maß konstruiert: Gemessen wird, wie viel Wohlbefinden vorhanden ist, nicht wie viele Symptome. Das reduziert Stigmatisierung, macht den Bogen für gesunde Zielgruppen geeignet und funktioniert dennoch als empfindlicher Depressionsfilter.
- Für wen ist der WHO-5 geeignet?
- Durch seine einfache Sprache und Kürze ist er für Erwachsene fast jeden Alters und Bildungsstands nutzbar und wurde auch bei Jugendlichen sowie älteren und chronisch kranken Menschen validiert. In der Forschung wird er ab etwa 9 Jahren eingesetzt.
Weitere Methoden
Quellen
- Topp, C. W., Østergaard, S. D., Søndergaard, S. & Bech, P. (2015). The WHO-5 Well-Being Index: A systematic review of the literature. Psychotherapy and Psychosomatics, 84(3), 167–176
- Bech, P., Olsen, L. R., Kjoller, M. & Rasmussen, N. K. (2003). Measuring well-being rather than the absence of distress symptoms: a comparison of the SF-36 Mental Health subscale and the WHO-Five Well-Being Scale. International Journal of Methods in Psychiatric Research, 12(2), 85–91
- WHO Regional Office for Europe (1998). Wellbeing measures in primary health care: the DepCare Project. Kopenhagen