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TAS-20: Die Toronto-Alexithymie-Skala und die Schwierigkeit, Gefühle zu erkennen

Die Toronto Alexithymia Scale mit 20 Items (TAS-20) ist das international führende Instrument zur Erfassung von Alexithymie – umgangssprachlich oft 'Gefühlsblindheit' genannt. Der Begriff, in den 1970er Jahren von Peter Sifneos geprägt, beschreibt Schwierigkeiten, eigene Emotionen wahrzunehmen, zu unterscheiden und in Worte zu fassen, verbunden mit einem nach außen gerichteten, wenig introspektiven Denkstil.

Graeme Taylor, Michael Bagby und James Parker von der Universität Toronto entwickelten die Skala in mehreren Schritten; die heutige 20-Item-Fassung erschien 1994. Sie hat frühere, psychometrisch schwächere Versionen mit 26 Items abgelöst und wurde in Dutzende Sprachen übersetzt, darunter eine gut geprüfte deutsche Fassung.

Alexithymie ist keine Krankheit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das in der Bevölkerung kontinuierlich verteilt ist. Ausgeprägte Alexithymie gilt jedoch als Risikofaktor für psychosomatische Beschwerden, Depressionen und Beziehungsprobleme – weshalb die TAS-20 in der klinischen Forschung eine große Rolle spielt.

Auf einen Blick

Items
20 Aussagen, davon 5 negativ formuliert (werden umgepolt)
Autoren
Bagby, Parker & Taylor (1994)
Subskalen
Schwierigkeiten beim Identifizieren von Gefühlen (DIF), beim Beschreiben von Gefühlen (DDF), extern orientierter Denkstil (EOT)
Antwortformat
5-stufig von 1 = trifft gar nicht zu bis 5 = trifft völlig zu
Punktbereich
20 bis 100 Punkte (Summenwert)
Cutoffs
≤ 51 unauffällig, 52–60 Grenzbereich, ≥ 61 ausgeprägte Alexithymie
Bearbeitungsdauer
Etwa 5 Minuten

Was Alexithymie konkret bedeutet

Menschen mit hohen Alexithymie-Werten spüren körperliche Erregung – Herzklopfen, Enge im Bauch, Anspannung –, können sie aber schlecht als konkretes Gefühl wie Angst, Ärger oder Traurigkeit einordnen. Auf die Frage 'Wie geht es dir?' antworten sie ausweichend oder mit Tatsachenberichten. Ihr Denken kreist eher um äußere Ereignisse als um Innenleben, Fantasie und Träume spielen eine geringe Rolle.

Sifneos beobachtete dieses Muster ursprünglich bei psychosomatischen Patienten und vermutete, dass unerkannte Emotionen sich als körperliche Symptome ausdrücken. Die moderne Forschung sieht Alexithymie differenzierter: als dimensionales Merkmal mit teils genetischen, teils biografischen Wurzeln, das in Stichproben der Allgemeinbevölkerung bei etwa 10 Prozent stark ausgeprägt ist.

Aufbau: drei Facetten, ein Gesamtwert

Die 20 Items verteilen sich auf drei Subskalen. 'Difficulty Identifying Feelings' (7 Items) erfasst Probleme, Gefühle überhaupt zu erkennen und von Körperempfindungen zu unterscheiden. 'Difficulty Describing Feelings' (5 Items) misst die Mühe, anderen die eigenen Emotionen mitzuteilen. 'Externally Oriented Thinking' (8 Items) bildet den konkretistischen, nach außen gewandten Denkstil ab.

Ausgewertet wird per Summenwert von 20 bis 100 Punkten. Die etablierten Schwellen stammen aus den Arbeiten der Testautoren: Werte bis 51 gelten als unauffällig, ab 61 als deutliche Alexithymie, dazwischen liegt ein Grenzbereich. Diese Einteilung ist für Forschungszwecke gedacht und sollte im Einzelfall nicht als Etikett missverstanden werden.

Wie gut misst die TAS-20?

Der Gesamtwert erreicht in den meisten Studien interne Konsistenzen um Alpha .80 und akzeptable Retest-Stabilität. Die Dreifaktorenstruktur wurde vielfach repliziert, auch in der deutschen Normierungsstudie von Bach und Kollegen. Ein wiederkehrender Schwachpunkt ist die EOT-Subskala, deren Konsistenz oft unter .70 liegt und deren Items teilweise mehrdeutig formuliert sind.

Ein grundsätzlicheres Problem ist paradoxer Natur: Die Skala verlangt Selbstauskunft über eine Eigenschaft, die genau darin besteht, das eigene Innenleben schlecht wahrzunehmen. Wer Gefühle kaum registriert, kann auch die eigene Gefühlsblindheit unterschätzen. Ergänzende Fremdbeurteilungs- und Interviewverfahren wie die Toronto Structured Interview for Alexithymia (TSIA) wurden unter anderem deshalb entwickelt.

Abgrenzung zu verwandten Konzepten

Alexithymie ist nicht gleich Autismus, auch wenn beide sich überschneiden können: Studien zufolge erklärt begleitende Alexithymie einen erheblichen Teil der Emotionserkennungsprobleme, die autistischen Menschen zugeschrieben werden. Ebenso wenig ist Alexithymie das Gegenteil von emotionaler Intelligenz, auch wenn beide Konstrukte deutlich negativ korrelieren – emotionale Intelligenz umfasst zusätzlich den Umgang mit Gefühlen anderer.

Wichtig ist auch die Unterscheidung von momentaner emotionaler Taubheit, wie sie bei Depressionen oder nach Traumata auftritt. Die TAS-20 misst ein überdauerndes Merkmal; erhöhte Werte während einer akuten depressiven Episode können sich nach Besserung teilweise zurückbilden.

Was ein Selbsttest leisten kann

Ein an der TAS-20 orientierter Selbsttest kann Ihnen zeigen, ob Schwierigkeiten im Erkennen und Benennen von Gefühlen bei Ihnen stärker ausgeprägt sind als beim Durchschnitt. Das ist wertvolles Wissen, denn Sprachlosigkeit über Emotionen belastet nachweislich Partnerschaften und erschwert Psychotherapien – lässt sich aber trainieren, etwa durch Gefühlstagebücher, Achtsamkeitsübungen oder emotionsfokussierte Therapieansätze.

Bedenken Sie zugleich die Screening-Natur solcher Ergebnisse: Ein hoher Wert beschreibt eine Tendenz, keine Störung, und ersetzt keine klinische Einschätzung. Wenn emotionale Taubheit plötzlich aufgetreten ist oder mit gedrückter Stimmung, Erschöpfung oder körperlichen Beschwerden einhergeht, sollte eine Fachperson die Ursachen einordnen.

Tests, die auf diesem Verfahren aufbauen

Häufige Fragen

Ist Alexithymie eine psychische Krankheit?
Nein. Alexithymie ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das von schwach bis stark ausgeprägt sein kann. Stark ausgeprägte Alexithymie erhöht allerdings das Risiko für psychosomatische Beschwerden und depressive Entwicklungen und kann Beziehungen und Therapien erschweren.
Ab welchem TAS-20-Wert spricht man von Alexithymie?
In der Forschung gilt ein Summenwert ab 61 Punkten als ausgeprägte Alexithymie, Werte bis 51 als unauffällig; der Bereich von 52 bis 60 wird als Grenzzone behandelt. Diese Schwellen dienen der Studienauswertung und sind keine medizinischen Diagnosegrenzen.
Kann man lernen, Gefühle besser wahrzunehmen?
Ja, in vielem spricht die Forschung dafür. Regelmäßiges Benennen von Emotionen, Achtsamkeitstraining, Körperwahrnehmungsübungen und emotionsfokussierte Psychotherapie können die Fähigkeit verbessern, innere Zustände zu differenzieren und auszudrücken.
Warum ist ein Selbstbericht bei Gefühlsblindheit problematisch?
Weil die Skala genau die Fähigkeit voraussetzt, die sie messen will: Selbstwahrnehmung. Menschen mit starker Alexithymie können ihre Defizite unterschätzen. Deshalb existieren ergänzende Interview- und Fremdbeurteilungsverfahren, die in der klinischen Forschung zusätzlich eingesetzt werden.

Weitere Methoden

Quellen

  • Bagby, R. M., Parker, J. D. A. & Taylor, G. J. (1994). The twenty-item Toronto Alexithymia Scale–I. Item selection and cross-validation of the factor structure. Journal of Psychosomatic Research, 38(1), 23–32
  • Taylor, G. J., Bagby, R. M. & Parker, J. D. A. (1997). Disorders of Affect Regulation: Alexithymia in Medical and Psychiatric Illness. Cambridge University Press
  • Bach, M., Bach, D., de Zwaan, M., Serim, M. & Böhmer, F. (1996). Validierung der deutschen Version der 20-Item Toronto-Alexithymie-Skala. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie, 46(1), 23–28