Zum Inhalt springen
Ψ PsychoTest Kompass

MBTI: Der Myers-Briggs-Typenindikator zwischen Popularität und Kritik

Der Myers-Briggs Type Indicator (MBTI) ist vermutlich das bekannteste Persönlichkeitsinstrument der Welt. Millionen Menschen kennen ihre vier Buchstaben – INFJ, ESTP, INTP –, Unternehmen setzen ihn in Teamworkshops ein, und in sozialen Medien ist die 16-Typen-Sprache längst Popkultur. Entwickelt wurde er von Katharine Cook Briggs und ihrer Tochter Isabel Briggs Myers, die ab den 1940er Jahren die Typenlehre Carl Gustav Jungs in einen Fragebogen übersetzten.

Der MBTI sortiert Menschen anhand von vier Gegensatzpaaren: Extraversion oder Introversion (E/I), Sensing oder Intuition (S/N), Thinking oder Feeling (T/F) sowie Judging oder Perceiving (J/P). Aus den Kombinationen ergeben sich 16 Typen, die jeweils mit ausführlichen Charakterporträts beschrieben werden.

So eingängig das System ist – in der akademischen Psychologie hat der MBTI einen schweren Stand. Diese Seite stellt beide Seiten dar: was den Indikator so anziehend macht, und warum die Forschung seine Messqualität und Typenlogik seit Jahrzehnten kritisch sieht.

Auf einen Blick

Typen
16 Typen aus 4 Dichotomien (E/I, S/N, T/F, J/P)
Entwicklerinnen
Katharine Cook Briggs & Isabel Briggs Myers, erste Fassungen ab 1943/44
Theoretische Basis
Typenlehre von C. G. Jung ('Psychologische Typen', 1921)
Items
Je nach Form unterschiedlich, verbreitet Form M mit 93 Fragen im Zwangswahl-Format
Bearbeitungsdauer
Etwa 15 bis 25 Minuten
Vertrieb
Kommerziell (The Myers-Briggs Company); zahlreiche inoffizielle Nachbauten im Netz
Wissenschaftlicher Status
In der akademischen Forschung stark umstritten

Geschichte: zwei Autodidaktinnen und Jungs Typenlehre

Katharine Briggs beschäftigte sich seit den 1920er Jahren mit Jungs Werk 'Psychologische Typen'. Ihre Tochter Isabel Myers entwickelte daraus während des Zweiten Weltkriegs einen Fragebogen – mit dem praktischen Ziel, Frauen beim Eintritt in die Kriegsindustrie passende Tätigkeiten zuzuweisen. Beide hatten keine formale psychologische Ausbildung, arbeiteten aber über Jahrzehnte an Itemsammlungen und Auswertungslogik.

Ab 1962 vertrieb der Educational Testing Service den Indikator zunächst als Forschungsinstrument; den kommerziellen Durchbruch brachte ab 1975 der Verlag Consulting Psychologists Press. Heute wird der MBTI in über 20 Sprachen vermarktet und vor allem in Personalentwicklung, Coaching und Berufsberatung eingesetzt – ausdrücklich nicht zur Personalauswahl, wie selbst der Anbieter betont.

Wie der MBTI funktioniert

Die Fragen sind überwiegend als Zwangswahl formuliert: Man entscheidet sich zwischen zwei Aussagen oder Wörtern, die je einen Pol repräsentieren. Aus den Antworten wird für jede der vier Dimensionen bestimmt, welcher Pol überwiegt – und sei es knapp. Das Ergebnis ist ein vierbuchstabiger Typ mit zugehörigem Porträt, das Stärken, Kommunikationsstil und typische Arbeitsweisen beschreibt.

Der Reiz liegt auf der Hand: Typen sind merkbar, erzählbar und wertschätzend formuliert – kein Typ ist 'schlechter' als ein anderer. Für Teamworkshops liefert das eine gemeinsame Sprache, um über Unterschiede zu sprechen, ohne jemanden abzuwerten.

Die wissenschaftliche Kritik im Einzelnen

Erstens: die Dichotomisierung. Die zugrunde liegenden Antwortverteilungen sind nicht zweigipflig, sondern annähernd normalverteilt – die meisten Menschen liegen nahe der Mitte. Wer bei 52 zu 48 Prozent auf die E-Seite fällt, erhält denselben Typ wie ein extremer Extravertierter, unterscheidet sich real aber kaum von einem knappen 'Introvertierten'. Die Typengrenze zerschneidet ein Kontinuum an seiner dichtesten Stelle.

Zweitens: die Retest-Stabilität. Genau wegen dieser Mittellage kippen bei Wiederholungstests viele Personen in mindestens einer Dimension auf die andere Seite; Studien berichten, dass nach Wochen bis Monaten teils rund die Hälfte der Getesteten einen anderen Vierbuchstaben-Typ erhält. Die einzelnen Dimensionswerte sind dabei durchaus ordentlich stabil – instabil ist die Typenzuordnung.

Drittens: die Beschreibungen. Die Typenporträts sind durchweg positiv und hinreichend allgemein gehalten, sodass sich viele Menschen darin wiedererkennen – ein Nährboden für den Barnum-Effekt, also die Tendenz, vage Charakterisierungen als treffend persönlich zu empfinden. Viertens fehlt eine Neurotizismus-Dimension völlig, obwohl emotionale Stabilität zu den am besten belegten Persönlichkeitsunterschieden gehört; für die Vorhersage von Berufserfolg oder Wohlbefinden liefert der MBTI entsprechend wenig.

Eine faire Gesamtbilanz

Fairerweise ist zu sagen: Die vier MBTI-Dimensionen korrelieren substanziell mit vier der Big Five – E/I mit Extraversion, S/N mit Offenheit, T/F mit Verträglichkeit, J/P mit Gewissenhaftigkeit. Der Indikator misst also nicht 'nichts', er misst reale Merkmalsbereiche, verpackt sie jedoch in ein Typenformat, das Information verschenkt und Stabilität vortäuscht.

Als moderiertes Reflexionswerkzeug in Workshops kann die Typensprache Gespräche anstoßen und Verständnis füreinander fördern. Problematisch wird es, wenn Typen als feste Wesenskerne behandelt werden, Karriereentscheidungen darauf gestützt oder Menschen in Teams nach Buchstaben einsortiert werden – dafür geben Datenlage und Messformat schlicht nicht genug her.

Konsequenzen für Selbsttest-Fans

Wenn Ihnen Ihr Vierbuchstaben-Typ schon einmal 'wie aus dem Gesicht abgelesen' vorkam, prüfen Sie den Eindruck: Lesen Sie das Porträt eines benachbarten Typs – häufig passt es ähnlich gut. Genau das ist der Kern der Barnum-Kritik, und diese kleine Übung schärft den Blick für alle Persönlichkeitstests.

Wer sein Profil differenzierter und wissenschaftlich belastbarer erfassen möchte, ist mit einem dimensionalen Verfahren nach dem Big-Five-Modell besser bedient: Es liefert Werte auf Kontinuen statt Schubladen und bildet mit dem Faktor emotionale Stabilität auch den Bereich ab, den der MBTI ausklammert.

Tests, die auf diesem Verfahren aufbauen

Häufige Fragen

Warum bekomme ich beim MBTI manchmal unterschiedliche Typen heraus?
Weil die meisten Menschen auf den vier Dimensionen nahe der Mitte liegen. Kleine Stimmungs- oder Antwortschwankungen reichen dann, um über die Typengrenze zu kippen. Studien zufolge erhält ein erheblicher Teil der Getesteten bei Wiederholung nach Wochen einen anderen Typ.
Ist der MBTI komplett unwissenschaftlich?
So pauschal nicht: Seine Dimensionen überlappen deutlich mit vier der Big Five und erfassen reale Merkmalsunterschiede. Wissenschaftlich problematisch sind vor allem die künstliche Zweiteilung in Typen, die daraus folgende instabile Typenzuordnung und die fehlende Neurotizismus-Dimension.
Darf der MBTI bei der Personalauswahl eingesetzt werden?
Der Herausgeber selbst rät davon ab, und die Forschungslage stützt diese Zurückhaltung: Für die Vorhersage von Berufsleistung ist der Indikator nicht ausreichend validiert. Für Auswahlentscheidungen gelten dimensionale, kriterienvalidierte Verfahren als angemessener.
Was ist der Barnum-Effekt?
Die Neigung, allgemein gehaltene, überwiegend positive Persönlichkeitsbeschreibungen als individuell zutreffend zu empfinden. Er erklärt einen Teil der gefühlten Treffsicherheit von Typenporträts – und lässt sich testen, indem man Beschreibungen fremder Typen liest und ihre Passung ehrlich bewertet.

Weitere Methoden

Quellen

  • Myers, I. B., McCaulley, M. H., Quenk, N. L. & Hammer, A. L. (1998). MBTI Manual: A Guide to the Development and Use of the Myers-Briggs Type Indicator (3. Aufl.). Consulting Psychologists Press
  • Pittenger, D. J. (2005). Cautionary comments regarding the Myers-Briggs Type Indicator. Consulting Psychology Journal: Practice and Research, 57(3), 210–221
  • McCrae, R. R. & Costa, P. T. (1989). Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator from the perspective of the five-factor model of personality. Journal of Personality, 57(1), 17–40